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Lesemanie

Lesemanie

Rezensionen von Romanen und Sachbüchern, Neuerscheinungen, Neuentdeckungen. Geheimtipps und Bekanntem.

Gefahr im Verzug

Titan (Cicero, Band 2) - Robert Harris, Hannes Jaenicke, Wolfgang Müller

Im zweiten Teil seiner Cicero-Trilogie scheint gleich zu Beginn eigentlich alles geschafft: Cicero ist Konsul und hat sich damit einen großen Traum erfüllt. Doch kurz bevor er sein Amt offiziell antritt, zeichnen sich bereits Probleme ab. Im Vertrauen wird er zum Hafen gerufen. Hier ist die Leiche eines Jungen angespült worden und alles deutet darauf hin, dass es sich um ein Menschenopfer handelt. Manche der abergläubischen Hafenarbeiter raunen, dies sei ein böses Omen und Rom sei in Gefahr. Cicero bemüht sich, sie zu beruhigen und stellt es so dar, als handele es sich bei der Leiche lediglich um das Opfer eines tragischen Unfalls...

 

Die Rezension in voller Länge gibt es hier.

Auf dem Weg zur Macht

Imperium (Cicero, Band 1) - Robert Harris, Christian Berkel, Wolfgang Müller

Im ersten Teil seiner Romantrilogie über den berühmten  Politiker und Redner Cicero setzt Robert Harris zu Beginn der Karriere des großen Staatsmannes ein. Der junge Cicero will sich als Anwalt einen Namen machen, um Aussicht auf ein einflussreiches Amt in der römischen Republik zu haben, doch er kommt in seinen Reden nicht zum Ende und leidet unter seinem Stottern. Gemeinsam mit Tiro, einem Sklaven seines Vaters, der in den kommenden Jahrzehnten als Ciceros Sekretär arbeiten wird, macht er sich auf den Weg nach Griechenland. Dort leben die wichtigsten Lehrer der Redekunst und dort feilt der junge Mann an sich und seiner Sprache...

 

Die Rezension in voller Länger gibt es hier.

Tolle Sprache, schräge Typen, der Mensch als Biest und die Unerbittlichkeit der Natur...

Drop City - T.C. Boyle
Star (eigentlich Paulette Regina Starr) hat sich befreit. Sie hat das enge Leben ihrer Eltern im Staat New York hinter sich gelassen, hat ihre Stelle als Lehrerin aufgegeben, hat den amerikanischen Kontinent einmal von Ost nach West durchquert und hat sich mit ihrem Jugendfreund Ronnie / Pan in Drop City niedergelassen. Diese Kommune in Kalifornien besteht auf einigen Hektar Farmland, das Norm, der das Land von seinen Eltern geerbt hat, allen zur Verfügung stellt. Norm selbst wird von den anderen als erleuchtete Führungsfigur wahrgenommen - eine Rolle, der er sich zumeist erfolglos zu entziehen sucht. Die Bewohner der Kommune wollen hier ein harmonisches Leben als erleuchtete Selbstversorger führen. 

 

Doch die Harmonie wird durch zwischenmenschliche Konflikte gestört und Star ist nicht die einzige der jungen Frauen, die den Eindruck hat, ihren Körper allen Männern auch gegen ihren Wunsch zur Verfügung stellen zu müssen, und der auffällt, dass es immer die Frauen sind die, wie ihre Mütter und Großmütter vor ihnen, das Essen kochen, den Abwasch machen und das Putzen übernehmen. 
"Erleuchtung" lässt sich dank diverser chemischer und pflanzlicher Substanzen erlangen, doch spätestens als Ronnie im Drogenrausch körperlich nicht mehr in der Lage ist, der Vergewaltigung einer Minderjährigen Einhalt zu gebieten wird zumindest dem Leser klar, dass die Kommunenmitglieder im Kollektiv ihre Handlungsfähigkeit aufgeben um sich in andere geistige Sphären zu begeben. 
Auch mit der Selbstversorgung ist es nicht weit her. Zwar gibt es zwei Ziegen in der Kommune, die von Starr täglich versorgt und gemolken werden, doch richtigen Ackerbau möchte keiner betreiben; stattdessen nutzen sie die vom Staat bereitgestellten Essensmarken; mancher kratzt ein wenig Erspartes zusammen, andere bedienen sich im Laden heimlich an der Käsetheke. 
 
Die Rezension in voller Länge gibt es hier. 

Bringt den Kopf zum Schwirren...

Durch die Nacht: Eine Naturgeschichte der Dunkelheit - Ernst Peter Fischer
Mit einem Verweis auf Rainer Maria Rilke setzt das Vorwort zu diesem Buch ein: "Du Dunkelheit, aus der ich stamme" zitiert Ernst Peter Fischer die erste Zeile und verweist auch auf die zweite Strophe: "Aber die Dunkelheit hält alles an sich". Dem gibt Fischer noch im Vorwort recht:
 
"Schließlich zeigt sich den Menschen jedes Licht, ob von Sternen oder Lampen, nur mit und vor dem Schwarz eines Hintergrunds, und jede Einsicht benötigt die Dunkelheit eines Anfangs, um aus ihr zu entspringen, so wie ein Laut erst durch die Stille der Welt hörbar wird. Wo anders als in meiner inneren Nacht stecken denn die Gedanken, bevor sie sich melden, und wo sonst lassen sich die Worte finden, mit denen man sie ausdrückt und weitergibt?"
 
Mit einem Rilke-Zitat und derlei philosophischen Überlegungen zu beginnen, macht direkt auf den ersten Seiten klar: dieses Buch ist viel mehr als die im Untertitel angepriesene "Naturgeschichte der Dunkelheit." Fischer bietet nämlich nicht "nur" Naturgeschichte, sondern auch Exkurse in die Literatur, die Philosophie, Religion, moderne Neurowissenschaften...kurz: hier liegt eine Natur-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte vor. Zugleich fasst Fischer den Begriff "Dunkelheit" sehr weit und spricht eben nicht nur von Dunkelheit im wörtlichen Sinne, sondern auch von den "dunklen Seiten" der menschlichen Psyche.
 
Die Rezension in voller Länge findet ihr hier.

Bombastische Hörspieladaption eines vielschichtigen, grotesken Jahrhundertromans

Meister und Margarita - Michail Bulgakow, Klaus Buhlert, Michael Rotschopf, Manfred Zapatka, Valery Tscheplanowa, Karl Markovics, Felix von Manteuffel, Dietmar Bär, Alexander Nitzberg
Zwölf Jahre lang (1928-1940) arbeitete Michail Bulgakow an seinem Roman Meister und Margarita. Einige Teile diktierte er kurz vor seinem Tod 1940 noch vom Krankenbett aus seiner Frau. Seine Witwe war es auch, die das vollendete Werk schließlich abtippte und redigierte, und die darauf beharrte, das Buch zu veröffentlichen. Stark zensiert und gekürzt wurde der Roman postum 1966 und 19767 in zwei Teilen in der russischen LiteraturzeitschriftMoskwa abgedruckt. Innerhalb kürzester Zeit war der Roman vergriffen und der "russische Faust" schlug auch im Ausland Wellen. Selbst die Rolling Stones ließen sich von Bulgakow inspirieren: die Idee zum Text ihres Klassikers Sympathy for the devil kam ihnen dank Meister und Margarita....
 
Die Rezension in voller Länge findet ihr hier.

Eigentlich nicht schlecht...

Der Wörterschmuggler - Natalio Grueso, Stéphane Bittoun, Hoffmann und Campe

Bis zur Hälfte eine wunderschöne Geschichtensammlung...

Der Clown und der Staatsmann

Zwei Herren am Strand - Michael Köhlmeier, Michael Köhlmeier

Kurzfazit: Die gelungene Hörversion einer Geschichte über die Freundschaft zwischen Charlie Chaplin und Winston Churchill - und noch viel mehr...

Mit Isabel Allende im WDR-Funkhaus (lit.COLOGNE SPEZIAL)

Was für ein rundum schöner Abend. Mit ihrer resoluten und zugleich charmanten Art hat Isabel Allende mich völlig verzaubert. Von Die Insel unter dem Meer und Zorro war ich ja bereits restlos begeistert; ich denke, es ist nun an der Zeit, noch viel mehr Allende zu lesen... 

 

Den kompletten Bericht über meinen Abend mit Isabel Allende findet ihr hier.

Professor Unrat

Professor Unrat - Heinrich Mann, Manfred Steffen

Mitreißend vorgetragene Hörbuchversion von Heinrich Manns gesellschaftskritischem, teils fast zynischem, Schulroman. 

Perfektes Paket

Altes Land - Dörte Hansen, Hannelore Hoger, Deutschland Random House Audio

Kurzfazit: Perfektes Paket: sprachlich herausragende Buchvorlage, wunderbare Sprecherin, ideale Länge und ein Ende, das genau zur richtigen Zeit und auf die richtige Art und Weise gesetzt ist. 

Die Rezension in voller Länge gibt es auf Lesemanie hier

Von Königen, Ritterlichkeit und dem Heiligen Gral

The Death of King Arthur - Peter Ackroyd

1485 wurde La Morte D’Arthur von Sir Thomas Malory in Buchform veröffentlicht. Seit seiner Erstveröffentlichung bis heute ist die Geschichte immer wieder gedruckt worden; in englischen Sprachraum war sie seit dem 15. Jahrhundert noch nie vergriffen.

Peter Ackroyd, Historiker und gefeierter Schriftsteller, hat sich dem Text von Sir Thomas Malory angenommen. The Death of King Arthur ist eine leicht gekürzte und bereinigte Version – klare Widersprüche im Handlungsstrang hat Ackroyd fallen lassen, Wiederholungen, die einer mittelalterlichen Leserschaft gefallen doch uns wahrscheinlich langweilen würden, hat er gestrichen. Auch sprachlich hat er den Text entstaubt, sodass es sich flüssiger lesen lässt.

 

In voller Länge findet ihr die Rezension hier.

 

Mitreißender Gefühlsstrudel in hinreißend klarer Sprache.

Widerrechtliche Inbesitznahme: Roman - Lena Andersson, Gabriele Haefs

Ester Nilsson ist Dichterin und Essayistin. Sie ist eine Person, die sich selbst und andere sehr ernst nimmt und die, mit Anfang 30 absolute Kontrolle über ihr Leben hat. Seit Jahren lebt sie in einer vernünftigen und ausgeglichenen Beziehung „mit einem Mann, der sie in Ruhe ließ und ihre physischen und mentalen Bedürfnisse befriedigte.“ Sie verachtet belangloses Geplauder und vermeidet Situationen die sie an dem hindern könnten, das ihr wichtig ist: „lesen, denken, schreiben und Gespräche führen.“ Und dann kommt ein Anruf.

 

Ester soll einen dreißigminütigen Vortrag über Hugo Rask halten, einen sehr erfolgreichen Installationskünstler, der „wegen seines moralischen Pathos“ allgemein geschätzt wird. Eigentlich ist es ein ganz normaler Auftrag. Ester sagt zu und setzt sich an die Arbeit. An einem Samstag im Oktober soll sie den Vortrag halten und so setzt sie sich am vorangehenden Sonntag hin und beginnt, sich in Hugo Rasks Leben und Arbeit einzulesen:

 

„Mit jedem Tag, an dem sie schrieb, wuchs das Gefühl der Verwandtschaft mit ihrem Gegenstand. Das Gefühl wandelte sich von Respekt am Sonntag zu Wertschätzung am Dienstag, zum Donnerstag hin wurde es zu einer bohrenden Sehnsucht und am Freitag zu schwerem Begehren.“

 

Und so beginnen die Leiden der Ester Nilsson. 

Neugierig geworden? Die Rezension in voller Länge findet ihr hier.

Langsam, hochtraurig, sehr lesenswert

Die Raben - Tomas Bannerhed

Klas liebt Vögel. Stundenlang kann er sich mit ihnen befassen, sei es lesend, durch sein Fernglas schauend, oder einfach nur lauschend und im Moor stehend. Das Moor ist seine Heimat: in den 1970er Jahren wächst Klas in Småland auf, auf dem Hof seines Vaters, der schon vom Groß- und vom Urgroßvater beackert wurde. Dass Klas sehr gute Noten in der Schule erzielt, ist dem Vater nicht wichtig. Dass der Junge sich scheinbar konstant bewusst vor harter körperlicher Arbeit drückt, um Schulaufgaben zu machen oder irgendwelche Vögel zu beobachten, ist dem Vater ein Dorn im Auge. Und dabei, so findet Klas auf seinen Streifzügen durch den Wald und in Gesprächen in der Bibliothek heraus, muss sein Vater ihm in vielerlei Hinsicht einmal ganz ähnlich gewesen sein: der Klassenbeste im Kopfrechnen und ein Träumer und Streuner, der auf einer einsamen, kaum zugänglichen Lichtung seine Initialen hinterlassen hat. Doch diese Zeiten sind lange vorbei...

 

Neugierig geworden? Die Rezension in voller Länge findet ihr hier.

Großer whodunit-Spaß.

Die große Agatha Christie Geburtstags-Edition: Karibische Affäre / Das unvollendete Bildnis / Die Kleptomanin - Der Hörverlag, Agatha Christie, Friedhelm Ptok, Regina Lemnitz, David Nathan

Starke Erzählstimmen und drei spannende Geschichten von der Queen of Crime.

 

Am 15. September diesen Jahres wäre Agatha Christie 125 Jahre alt geworden. Um das zu feiern, hat der Hörverlag drei bisher unveröffentlichte Lesungen zu Hercule Poirot und Miss Marple in Aktion in einer 10-CD-Box aufgelegt. Dabei handelt es sich um die Christie-Romane Die Kleptomanin (Hercule Poirot), Karibische Affäre (Miss Marple) und Das unvollendete Bildnis (wieder Monsieur Poirot). Dank starker Erzählstimmen ein großer Whodunit-Spaß.

 

Die Kleptomanin (3 CDs, ca. 4 Stunden Laufzeit):

In einem Londoner Studentenwohnheim geschehen seltsame Dinge: Glühbirnen und Lippenstift werden gestohlen, ein verloren geglaubter Rucksack und ein teurer Seidenschal werden zerschnitten aufgefunden, ein Diamantring verschwindet und taucht plötzlich beim Abendessen wieder auf. Mrs. Hubbard, die Schwester von Hercule Poirots patenter Sekretärin Miss Lemon, ist aufgeschmissen. Sie ist Betreuerin in dem Wohnheim und kann sich keinen Reim auf die Ereignisse machen. Unter der zunehmend angespannten Stimmung unter den Studenten leidet sie sehr, und schließlich bittet ihre Schwester den belgischen Junggesellen um Hilfe. Poirot verspricht, sich um die Angelegenheit zu kümmern. Im Laufe eines Abends scheint er der Sache auf die Schliche zu kommen, auch wenn sich die Angelegenheit in seinen Augen zu einfach aufklären lässt. Als die geständige Kleptomanin, die behauptet hat, für die verschiedenen Diebstähle verantwortlich zu sein, am nächsten Morgen tot aufgefunden wird, ist für Poirot klar, dass es sich keinesfalls um Selbstmord handelt, wie die Polizei zunächst annimmt, sondern um Mord.

 

Neugierde geweckt? Den Rest der Rezension findet ihr hier.

Behutsame & berührende Geschichte vom Erwachsenwerden in der nachkriegsdeutschen Provinz

Der Wortjongleur: Roman - Sigrun Casper

Kilian ist ein neugieriges Kind, das ernsthafte Fragen stellt und sich bereits in sehr jungen Jahren seine eigenen Worte formt, um Gedanken und Gefühle in Worte fassen zu können. Als das Buch beginnt, kurz vor Kilians Einschulung, lebt er mit der Mutter bei der Großmutter in einer großen Villa nahe des Sees. Der Großvater, der eigentlich Kellner war, hat es unter den Nationalsozialisten zu Erfolg und Geld gebracht, ist aber selbst "im Krieg geblieben". Der Mann von Kilians Mutter ist es auch - allerdings, so betont sie, freiwillig, weil er dem Wahnsinn nicht mehr folgen wollte. Dieser Mann ist auch der Vater von Kilians Schwester Miriam. Kilians Vater ist er jedoch nicht - als Kilian nach dem Krieg auf die Welt kommt, ist der Mann seiner Mutter bereits tot. 

 

Kilian ist also ein uneheliches Kind, ein sogenannter "Bankert". Aber so lange er und seine Mutter in der großelterlichen Villa wohnen, wird ihm kaum bewusst, welche Schande in einer kleinen deutschen Provinzstadt im Deutschland der 1950er und 60er Jahre mit einem solchen Wort verbunden ist. Manchmal glaubt er, einen leisen Vorwurf im Blick der Großmutter zu spüren, den er allerdings nicht richtig zuordnen kann. 

 

Als Mutter und Sohn die schützende Villa schließlich verlassen müssen, schlägt ihnen die Ablehnung der neuen Nachbarschaft erstmals offen entgegen. Stoisch ertragen sie die Feindseligkeit und wachsen, wenn das möglich ist, noch enger zusammen. Kilian wird zum Teenager, er schreibt viel, probiert sich an immer neuen Wort- und Gedichtkreationen aus und denkt sich: "Ich will ein Dichter werden. Meine Gedichte sollen wie Kerzen brennen, wenn es dunkel ist. Meine Gedichte sollen Schmuck für die Seele sein."

 

 

Der Wortjongleur ist in leisen Tönen geschrieben und dadurch ein stilles und behutsames Buch, das auf den letzten Seiten ein wenig Fahrt aufnimmt. Der Roman ist eine fiktive Biografie - so in etwa könnten sich Kindheit und Jugend des 2013 verstorbenen Dichter Mario Wirz abgespielt haben, mit dem die Autorin Sigrun Casper lange Jahre eng befreundet war. Ich selbst kannte den Dichter vorher nicht, und das ist auch nicht nötig um dieses Buch genießen zu können. Es erzählt nämlich in erster Linie die Geschichte einer wunderschönen Mutter-Sohn-Beziehung, vom Erwachsenwerden in Nachkriegsdeutschland, von der Liebe zur Sprache und von dem Verlangen, seine Wurzeln zu kennen. 

Teilweise hochinteressant, insgesamt vielleicht einfach zu ambitioniert

Eine kurze Geschichte der Menschheit - Yuval Noah Harari, Jürgen Neubauer
Auf 508 Seiten führt Yuval Harari den Leser durch 100.000 Jahre Menschheitsgeschichte. Die beginnt mit dem Menschen als ziemlich unauffälligem Tier unter anderen Tieren. Das ändert sich erst mit der ersten von insgesamt drei Revolutionen, die Harari als Schlüsselerlebnisse für die Menschheitsgeschichte definiert: der kognitiven Revolution vor 70.000 Jahren, gefolgt von der landwirtschaftlichen Revolution vor 12.000 Jahren und schlussendlich der wissenschaftlichen Revolution vor knapp 500 Jahren. 
 
Die kognitive Revolution bezeichnet die Entstehung neuer Denk- und Kommunikationsformen, mit deren Hilfe der Homo Sapiens sich von Afrika aus bis nach Europa und Asien ausbreiten konnte und sich dabei gegen die dort bereits lebenden Neandertaler und andere Menschenarten durchsetzte. Nach dieser kognitiven Entwicklung erfand der Homo Sapiens Boote, Öllampen, Pfeil und Bogen und Begann auch damit, vor etwa 45.000 Jahren, Kunst und Schmuck herzustellen. Etwa zur selben Zeit müssen sich erste Religionen, Handel und gesellschaftliche Schichten in unterschiedlich starker Ausprägung gebildet haben. 
 
Die landwirtschaftliche Revolution bezeichnet den Wandel von Jägern und Sammlern zu sesshaften Ackerbauern. Nachdem zunächst Weizen und Ziegen domestiziert wurden, folgten vor rund 10.000 Jahren Erbsen und Linse, vor 6.000 Jahren domestizierte der Homo Sapiens die ersten Pferde und vor 5.500 Jahren schließlich wurde der erste Wein angebaut.
 
Die wissenschaftliche Revolution, die um 1500 herum einsetzte, hat die Menschheit davon überzeugt, dass Wissen mit Macht gleichzusetzen ist. Laut Harari ging es der Menschheit vor diesem Zeitpunkt nicht darum, neues Wissen zu erwerben sondern eher, bestehendes Wissen zu bewahren. Seit der wissenschaftlichen Revolution hat sich dies geändert und drei Eigenschaften der modernen wissenschaftlichen Tradition sind ausschlaggebend: Das Eingeständnis der Unwissenheit (alles, was wir zu wissen glauben, kann durch neue Erkenntnisse widerlegt werden), die zentrale Bedeutung von Beobachtung und Mathematik (Beobachtungen werden mit Hilfe mathematischer Instrumente zu allgemeingültigen Theorien verbunden), und der Erwerb neuer Fähigkeiten (die allgemeingültigen Theorien werden für den Erwerb neuer Fähigkeiten und zur Entwicklung neuer Technologien genutzt). 


Eine kurze Geschichte der Menschheit ist ein ambitioniertes Buch. Harari berücksichtigt schließlich nicht nur historische Fakten, sondern geht auch teils sehr philosophisch an das Erläuterte heran - so stellt er zum Beispiel in Frage, ob sich die Lebensqualität der Menschen durch die landwirtschaftliche Revolution tatsächlich zum Besseren verändert hat. Auch die in den letzten Jahren immer beliebter gewordene Glücksforschung bezieht er mit ein und sie dominiert den letzten Teil dieses Buches.

Durch diese vielseitige Herangehensweise reißt Harari eine Menge interessanter Themen an und er bietet Thesen, mit denen man übereinstimmen kann, aber nicht muss, und die definitiv zum Nachdenken anregen. Zugleich ist dieses bunte Gemisch jedoch auch die größte Schwäche des Buches. Harari verfranst sich in manchen Theorien und wird so dem Anspruch, eine kurz-knackige Übersicht zur Menschheitsgeschichte zu bieten, nicht gerecht. Dafür scheint ihm dann an anderen Stellen die Zeit, oder der Raum, zu fehlen, um ausführlicher zu berichten. So werden beispielsweise komplexe historische Ereignisse wie die französische Revolution so verkürzt dargestellt, dass sie Hararis Theorien untermauern können, der Sache an sich jedoch nicht gerecht werden und ein teilweise verzerrtes Geschichtsbild abgeben.

Vermutlich auch dieser extremen Verknappung geschuldet, sind Begrifflichkeiten und Bilder nicht immer sehr glücklich gewählt. Ein Großteil der Formulierungen derer Harari sich bedient, um komplexe Sachverhalte auch für absolute Geschichts-Beginner begreiflich zu machen, sind zu einfach und eindeutig - für eine umfassende Darstellung von Geschichte muss man auch Grautöne verwenden.

Insgesamt ein teilweise hochinteressantes Buch, das jedoch meinen Erwartungen leider nicht ganz gerecht wurde.